Kleine Ergänzungen zur Biographie von Heinrich v. Kleist für die Familiengeschichte v. Kleist

Die zur Zeit in Vorbereitung befindliche 2. Auflage der Familiengeschichte der Familie v. Kleist kann zu Heinrich von Kleist nicht einen dem heutigen Forschungsstand entsprechenden neu gefassten Artikel enthalten, da dies die Möglichkeiten der Familienmitglieder, die sich um die Aktualisierung kümmern, übersteigen würde. Der bisherige Text wird daher im wesentlichen um Hinweise auf aktuelle Biographien ergänzt werden.

Im folgenden soll eine Materialsammlung aufgebaut werden, die in Biographien über Heinrich v. Kleist enthaltene Hinweise, die für die übrige Familiengeschichte von Bedeutung sind, aufgreift.

Die Haltung der Familie v. Kleist zu Heinrich v. Kleist in der Zeit von 1857 bis 1914

Verschiedenen Biographien beschäftigen sich mit der Frage, wie die Familie v. Kleist sich zur Bedeutung von Heinrich v. Kleist geäußert hat. Dabei kann hier nur die Zeit seit der Gründung des Familienverbandes im Jahr 1857 betrachtet werden, wobei erst im Folgejahr ein Vorstand bestimmt worden ist, der für die Familie sprechen konnte. Davor gab es keinerlei Organisation innerhalb der Gesamt-Familie, keine Familientage, keine Adress-Listen. Es gab allerdings seit Jahrhunderten Bemühungen, Stammtafeln zu führen.

Bereits 1857 wurde die Erstellung einer Familiengeschichte ausgeschrieben, die Fertigstellung erfolgte aber erst 1887. In der Anlage der Familiengeschichte, die von einem Ausschuss des Verbandes begleitet wurde, ergaben sich Heraushebungen einzelner Biographien durch die Beifügung von Bildern, aber auch durch die Länge der Beiträge. Der 4 Seiten lange Artikel über Heinrich v. Kleist verweist auf den ausführlichen Artikel in der Allgemeinen Deutschen Biographie von Felix Bamberg. Abgedruckt wird ein Artikel von Barthel aus "Die deutsche Nationallitteratur der Neuzeit". Zum Abschluss folgte ein kurzes Zitat aus W. Bauers "Geschichts- und Lebensbilder aus der Erneuerung des religiösen Lebens in den deutschen Befreiungskriegen", das den Aufruf zum Widerstand gegen Napoleon herausstellte. Dem Artikel ist ein Bild beigefügt.

Die Familiengeschichte wurde 1887 abgeschlossen mit einem gesonderten Band von 150 Seiten mit der Biographie des Grafen Kleist von Nollendorf. Dieser Band war von dem damaligen Rittmeister Georg v. Kleist geschrieben, der auch Militär-Fachbücher geschrieben hat. Im Vorwort dieses Bandes sagt er "Der Verfasser schmeichelt sich nicht, die Geschichtslitteratur durch sie zu bereichern. Er glaubt aber doch, daß sie bei den Mitgliedern seiner großen Kleist'schen Familie eines freundlichen Empfanges gewiß ist, und findet seinen Lohn in der Hoffnung, daß sie mit dazu beitragen wird, in den nachkommenden Geschlechtern dieser Familie die Soldaten- und Mannestugenden zu erwecken und zu stärken, die den Feldmarschall in so hohem Maße zierten, und sie alle wach zu erhalten in der Königstreue."

Er leitet die Biographie mit Sätzen ein, von denen die ersten in einigen Biographien zu Heinrich v. Kleist zitiert sind:

"Hoch empor über die Mitglieder seines Geschlechts ragt die Heldengestalt des Feldmarschalls Kleist von Nollendorf.

Wohl lebt der edle Sänger des Frühlings, der todesfreudige Held, den Lessing seinen Freund, seinen Tellheim nannte, im Gedächtniß der Nachwelt, wohl zählt die Familie einen Dichter zu den Ihren, der die gigantische Gestaltungskraft eines Shakespeare besaß; den Gipfel des Ruhmes hat nur Einer erstiegen, nur Einer ein volles Mannesleben ausgelebt, ein Ganzes geschaffen: der Sieger der Schlacht von Kulm und Nollendorf.

Sie ist nicht von den gewöhnlichen, diese Schlacht am Fuße des sächsischen Erzgebirges. Ein ganz besonders düsterer strategischer und politischer Hintergrund läßt sie hervortreten wie den ersten siegreichen Lichtstrahl, der die Wolken des Unglücks, des Zweifelns und des Schwankens zertheilt. ‘An dem Tage von Kulm verwelkten die Lorbeern von Dresden; die wankende Coalition stand wieder aufrecht.’ (Treitschke, Deutsche Geschichte I. 484)

In einem kritischen Augenblick durch kühnen Entschluß dem Feldzuge von 1813 die entscheidende Wendung zu einem guten Ausgange gegeben zu haben, das ist es, was Kleist mit einem Schlage zu einem Manne der Geschichte macht, und wenn er auch nicht in so und soviel Schlachten und Gefechten alle Eigenschaften eines großen Generals gezeigt hätte.

Wir wollen nicht darüber rechten, ob wir ihn dem Dreigestirn Blücher - Gneisenau - York ganz an die Seite stellen oder ihm nur einen Platz in zweiter Linie anweisen sollen, wie seine eigene Bescheidenheit ihn stets für sich erwählte, — an Vielseitigkeit und vor allem als Mensch, darüber besteht für uns kein Zweifel, überragt er alle seine großen Zeitgenossen!"

Eine weitere Äußerung aus etwa der gleichen Zeit ist in dem sehr ausführlichen Artikel der Kreuzzeitung vom 13. März 1883 (abgedruckt in der Familiengeschichte) zur 25-Jahrfeier der Gewährung des Präsentationsrechts zum Herrenhaus enthalten. Der Vorsitzende des Familienverbandes Hans Hugo v. Kleist-Retzow, der seit 25 Jahren den Sitz im Herrenhaus für die Familie wahrgenommen hatte, " richtete in seinem Dank das Wort an die Jugend der Familie, welche nach dem Ableben der Alten das Banner hochhalten solle. Hohe Ziele sich stecken, auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens sich an der Arbeit beteiligen, wie ja die Geschichte der Familie neben den Feldmarschällen und sonstigen Helden auch Dichter, Naturforscher, hohe Verwaltungsbeamte uns als Vorbilder hinstellt. Nach den Zielen richte sich die Anstrengung und der Erfolg hänge, wie einerseits von Gottes Gnade, so andererseits von unserer Arbeit ab. Es bleibe auch in diesem Sinne ein ewig wahres Wort: ‘Der Mensch wird seines Glaubens leben.’ "

Ein Wechsel der Einstellung der Familie zur Bedeutung von Heinrich v. Kleist wird an dem Text auf der Schleife des Kranzes, den die Familie zum 100. Todestag auf dem Grab niederlegte, festgemacht:

"Dem Größten ihres Geschlechts. Die Familie von Kleist."

Kafka schrieb zwei Tage später in sein Tagebuch:

"23.Nov. 1911. Am 21., dem hundertsten Todestag Kleists, ließ die Familie einen Kranz auf sein Grab legen mit der Aufschrift: ‘Dem Besten ihres Geschlechts.’ "

(Zitiert aus Kittler, S. 36)

Das Protokoll des Familientages von 17. Februar 1912, in dem über die Teilnahme der Familie an der Feierlichkeiten berichtet worden sein muss, liegt leider nicht mehr vor. Im Familienarchiv (im Stadtarchiv Hamm) befinden sich die gedruckten Protokolle ab 1914. Das Protokoll von 1914 enthält die Schilderung der Feierlichkeiten zur 100-Jahrfeier der Schlacht von Culm am 30. August 1913. Erwähnt wird ferner, dass die Familie zur Enthüllung des Völkerschlachtdenkmals nicht geladen war, weil kein männlicher Nachkomme des Generalfeldmarschalls mehr lebte. Die letzte Tochter aus dieser Linie erhielt zu diesem Anlass ein Telegramm des Kaisers.

Hingewiesen wird in diesem Protokoll ferner darauf, dass "in der Jahrhundertausstellung in Breslau ein besonderes Zimmer für die Familie reserviert war, in dem Andenken an den Generalfeldmarschall Kleist v. Nollendorf und den Dichter Heinrich von Kleist ausgestellt waren". Der Katalog der Ausstellung zeigt allerdings, dass zwar Exponate zu beiden Mitgliedern der Familie ausgestellt waren, aber dass sie nicht in einem der Familie gewidmeten Raum zusammengefasst waren, sondern auf zwei Räume entsprechend dem jeweils unterschiedlichen Themenbereich aufgeteilt waren.

Vorsitzender des Familienverbandes war seit 1907 der inzwischen zum General der Kavallerie ernannte Georg v. Kleist, der Autor der oben zitierten Zeilen aus der Biographie des Grafen Kleist von Nollendorf. Von ihm liegen zwei Veröffentlichungen von 1908 und 1913 vor. 1908 hat er über 50 Jahre Kleistsche Familiengeschichte berichtet, 1913 mit beigetragen zu einem Lexikon-Artikel im Handbuch für Heer und Flotte zur Familie v. Kleist. Diese beiden Texten ist eine entsprechende Wertung nicht zu entnehmen.

Die Belehnung zur gesamten Hand für die pommerschen Lehn der Familie

Kittler (Die Geburt des Partisanen aus dem Geist der Poesie, Freiburg im Breisgau 1987, S.41) sieht einen Erbstreit in der Familie v. Kleist nach dem Aussterben der dritten - der Raddatzer - Linie, der 1797 gerichtlich entschieden wurde und in der Familiengeschichte an verschiedenen Stellen erwähnt wird, als Vorlage für die "Familie Schroffenstein". Er erwähnt in diesem Zusammenhang, mit dem Tod des letzen Raddatzer Kleist "trat erstmals das durch den Lehn- und Gesamthandsbrief Bogislaws X. festgeschriebene und seitdem bei jeder neuen Thronfolge neu bestätigte Recht in Kraft". Falsch ist das "erstmals", ohne dass dieser Fehler für Kittlers weitere Schlussfolgerungen Bedeutung haben muss. Denn das Recht zur Weiterübertragung eines Lehns innerhalb der Familie bei Aussterben eines Nebenzweiges - statt der Einziehung des Lehns - ist häufig in den Jahrhunderten seit der Einräumung dieses Privilegs zur Anwendung gekommen. Deshalb war auch seit langem das Führen von Stammtafeln innerhalb der Familie von praktischer Bedeutung. (s. Artikel zur Geschichte der Genealogie in der Familie)

Die Besonderheit beim Aussterben der Raddatzer Kleiste bestand darin, dass der Verwandtschaftsgrad über den Stammvater der Familie geklärt werden musste, da die drei Linien der Familie von seinen drei Söhnen abstammten. Lehnsberechtigt waren diejenigen, die die geringste Zahl von Generationen vom Stammvater entfernt waren. Die Kleiste des Tychower Astes der Tychow-Dubberower Linie, die als lehnsberechtigt anerkannt wurden, gehörten nach der heutigen - später erstellten - Stammtafel der 12. Generation an, Heinrich der 14. Das Durchschnittsalter der Väter bei der Geburt der Söhne, die ihrerseits eheliche Söhne hatten, war also in dem Tychower Ast besonders hoch.

Eine andere Bedeutung des Gesamtlehnsbriefs für den Dichter persönlich soll hier aber noch erwähnt werden. Sein Vater hatte auf das Lehnsrecht an dem Gut Schmenzin, das sich seit vielen Generationen im Besitz seiner Vorfahren befunden hatte, gegen Abfindung zugunsten seines jüngsten Bruders Franz Heinrich (1734-1814) verzichtet. Dieser hatte zwei Söhne, die beide ihrerseits keine Söhne hatten. Bei dem Tod des jüngeren, Georg Joachim Wilhelm, im Jahr 1849 kam der Gesamtlehnsbrief wieder zum Tagen. Lehnsberechtigt waren, da auch der Bruder von Heinrich, Leopold Friedrich 1837 gestorben war, seine Söhne. Es hätte also durchaus Entwicklungen geben können, bei denen Heinrich selbst das Gut hätte erwerben können.

Literaturhinweise:

Die reichen und mächtigen Familien erzwangen von ihm eine Belehnung zur gesamten Hand, um den Heimfall einzelner ihrer Güter zu vermeiden. Hans Branig, Bearbeitung und Einführung Werner Buchholz, Geschichte Pommerns, Teil I: Vom Werden des neuzeitlichen Staates bis zum Verlust der staatlichen Selbständigkeit 1300-1648, Köln Weimar Wien, 1997, Seite 66.

Zur Bedeutung der Gesamthands-Belehnung für die zahlenmäßige Entwicklung einer Familie siehe Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften und Künste, Artikel "Kleist", F. A. Brockhaus, Leipzig 1885.

Verwandtschaftliche Beziehungen von Heinrich zu anderen bekannten Mitgliedern der Familie v. Kleist

Ein in den Biographien angesprochenes Thema ist der Grad der Verwandtschaft zu den beiden anderen Dichtern, zu Ewald Christian und Franz Alexander.

Für einen schnellen Überblick wird auf die vereinfachte Übersicht verwiesen.

Hier wird deutlich, dass Heinrich (III. 625) der 14. Generation der Familie angehört. Von seinem Ur-Großvater Reimar (III. 287 - 11. Generation) stammen auch zwei bedeutende Offiziere der Familie ab, der "grüne" Kleist (III. 492 - 13. Generation) und der spätere Graf Kleist von Nollendorf (III. 615 - 14. Generation). Von dem Vater von Reimar, Jürgen (III. 194 - 10. Generation), stammt dann Franz Alexander (III. 652 - 14. Generation) ab. Die genealogischen Nummern innerhalb einer Generation geben an, wie viele andere mindestens gleich nah Verwandte zwischen zwei Personen in der Stammtafel stehen. (In der Stammtafel "Damen" am unteren Rand "Alt-Schmenzin suchen). Um die verwandtschaftliche Beziehung zu Ewald Christian (III. 398 - 12. Generation) herzustellen, muss man bis zum Vorfahren der 5. Generation, Dubislaw (III. 2), zurückgehen.